Glossar der Leinen-Begriffe: Was Leinenführigkeit, Schwellenwert & Co. bedeuten

Letzten Donnerstag, Hundeschule an der Hasenheide. Luna lag brav (also: brav-ish) neben mir, und die Trainerin sagte einen Satz mit vier Fachbegriffen drin, die ich alle nicht kannte. Irgendwas wie „dein Hund ist schon über dem Schwellenwert, du arbeitest gerade an der Individualdistanz, nicht an echter Leinenführigkeit". Ich hab genickt. Innerlich: kompletter Blackout. Das gleiche Gefühl wie in jedem zweiten Kunden-Call, wenn wer von „Funnel" oder „Retention" redet und ich mit ernstem Gesicht mitnicke, bis ich zu Hause googeln kann.

Ich bin danach zum Späti an der Ecke, hab mir einen Kaffee geholt und mir auf dem Handy alle Begriffe notiert, die ich in den letzten Monaten irgendwo gehört und nie wirklich verstanden hatte. Aus der Notiz ist diese Liste geworden. NICHT weil ich jetzt plötzlich Expertin bin — ich hab bis vor Kurzem „Bei Fuß" und „Leinenführigkeit" für dasselbe gehalten, was laut Trainerin ungefähr so falsch ist wie Kreuzberg mit Charlottenburg zu verwechseln. Sondern weil ich dachte: wenn ich diese Wörter erst nachschlagen musste, geht es wahrscheinlich noch anderen so, die mit ihrem eigenwilligen Hund am Kotti stehen und einfach nur verstehen wollen, wovon die Trainerin gerade spricht.

Die Begriffe

Begriff Definition und Merkmale
Leinenführigkeit Bezeichnet das entspannte Gehen an einer locker durchhängenden Leine. Der Hund darf den von der Leine vorgegebenen Radius nicht verlassen, aber seine genaue Position (links, rechts, leicht davor) ist zweitrangig, solange kein Zug auf der Leine liegt (SitzPlatzFuss).
Bei Fuß (Heel) Eine formale Übung aus dem Hundesport bzw. Gehorsamstraining. Der Hund läuft dabei konzentriert und mit Blickkontakt eng an der Seite des Halters, meist mit der Schulter auf Höhe der Hosennaht (SitzPlatzFuss).
Schwellenwert (Threshold) Die Reizintensität, ab der ein Hund von einem beobachtenden Zustand in ein reaktives Verhalten (z. B. Bellen, Fixieren) wechselt — das Nervensystem geht in den Alarmzustand. Ein Training findet idealerweise unterhalb dieser Schwelle statt (beinglovely.de).
Individualdistanz Der raumbezogene Bereich um einen Hund, in dem die Annäherung eines Artgenossen oder Menschen Unbehagen auslösen kann. Laut Quelle die variabelste von vier Distanzarten — abhängig von Rasse, Erfahrung und Tagesverfassung (Animal Learn).
Leinenaggression Ein spezifisch an der Leine gezeigtes aggressives Verhalten gegenüber Reizen. Häufige Ursachen: Frustration (eingeschränkte Bewegungsfreiheit), Angst/Unsicherheit oder mangelnde Sozialisierung (ZooRoyal).
Schleppleine Eine 5, 10 oder — für erfahrene Halter — 15 Meter lange Leine, die vor allem für Rückruf- und Distanzkontroll-Training eingesetzt wird. Sie gibt dem Hund mehr Bewegungsradius, während der Halter die Kontrolle behält (Petbo).
Halti (Kopfhalfter) Ein Hilfsmittel zur Führung des Hundes über den Kopf, das eine bessere Kontrolle ermöglichen soll. Ersetzt laut Quelle jedoch keine vernünftige Erziehung — es bekämpft nur Symptome, nicht das eigentliche Problem (ZooRoyal).
Stopp-and-Go-Methode Ein Trainingsansatz, bei dem der Halter sofort stehen bleibt, sobald sich die Leine strafft ("Be a tree"), und die Bewegung erst fortsetzt, wenn die Leine wieder locker ist (bellerei-shop.com).
Umlenken Die Strategie, dem Hund statt eines reinen Verbots eine konkrete, positive Handlungsalternative zu geben — etwa die Aufmerksamkeit von einem störenden Reiz auf den Halter zu lenken (Hundeschule Zossen).
Brustgeschirr Ein Ausrüstungsgegenstand, der den Zugdruck von der empfindlichen Halswirbelsäule fernhält, die beim Halsband durch jeden Zug oder Ruck extrem belastet wird (Animal Learn).
TierSchHuV (§ 2) Die Tierschutz-Hundeverordnung untersagt seit 1. Januar 2022 ausdrücklich die Verwendung von Stachelhalsbändern oder anderen schmerzhaften Mitteln bei Ausbildung, Erziehung und Training (§ 2 Abs. 5) (Gesetze im Internet, kynologisch.net).
Schwellenwert-Diagramm beim reaktiven Hund: unter der Schwelle ansprechbar, über der Schwelle reaktiv, plus Individualdistanz und Umlenken
Der Schwellenwert und die zwei Begriffe drumherum – vereinfacht dargestellt, zum Einbetten (Credit: mein-gassiweg.pages.dev). Definitionen aus den unten verlinkten Quellen.

Okay, ehrlich: bei manchen Begriffen dachte ich beim Nachlesen „ach, kannte ich doch schon, nur anders benannt". Bei anderen musste ich zweimal lesen.

Das Halti zum Beispiel — hab ich vor ein paar Monaten ausprobiert, weil eine andere Halterin im Görli schwor, das hätte bei ihrem Rüden Wunder gewirkt. Bei Luna: Nope. Sie hat sich auf den Gehweg geschmissen, mit dem Kopf am Pflaster gerieben und mich angeguckt, als hätte ich sie verraten. Nach zwei Gehversuchen lag das Ding in der Schublade, zwischen dem Clicker, den ich auch nie richtig getimt gekriegt habe, und einem Geschirr, das Luna nach fünf Minuten aus eigener Kraft abgestreift hat. Im Nachhinein passt das sogar zu dem, was oben in der Tabelle steht: ein Kopfhalfter ersetzt keine Erziehung, es bekämpft nur Symptome. Hätte ich vorher gelesen statt gekauft.

Der Schwellenwert-Begriff hat mir am meisten geholfen, wirklich zu verstehen, was in Lunas Kopf passiert, wenn sie explodiert. Ich vergleich das inzwischen mit meinem eigenen Kaffee-Limit in einer Deadline-Woche: bei Tasse eins bin ich noch ansprechbar, freundlich, kann eine Nachricht lesen ohne gleich scharf zu antworten. Bei Tasse vier zittere ich nur noch, und wer mich dann was fragt, kriegt eine Antwort, die ich zwei Stunden später bereue. Luna ist genauso — unterhalb ihres Schwellenwerts kann sie noch zuhören und ein Leckerli nehmen, drüber ist sie nur noch Reaktion, kein Hund mehr, mit dem man gerade reden kann. Deshalb managen wir inzwischen eher den Abstand, bevor es brenzlig wird, statt hinterher die Situation retten zu wollen — ungefähr wie wenn man in der WG schon merkt, dass gleich ein Streit ums Geschirr eskaliert, und lieber vorher kurz rausgeht statt mittendrin zu schlichten.

Ein Begriff aus der Tabelle, den man kennen sollte: Seit dem 1. Januar 2022 verbietet die Tierschutz-Hundeverordnung (§ 2 Abs. 5) ausdrücklich Stachelhalsbänder und andere schmerzhafte Hilfsmittel bei Ausbildung, Erziehung und Training.

Ich bin keine Hundetrainerin und werde wahrscheinlich auch nie eine. Ich bin nur die Frau, die seit zweieinhalb Jahren jeden Tag mit einem ziemlich eigenwilligen rumänischen Import über den Kotti läuft und dabei ordentlich Lehrgeld gezahlt hat. Bei ernsteren Fällen — starke Beißvorfälle, massive Angst, alles, was über „Mops vor der U-Bahn anbellen" hinausgeht — würde ich immer sagen: sucht euch echte, lokale Hilfe vor Ort, keine Glossare aus dem Internet. Auch nicht meins hier.

Last verified: 2026-07-12

Quellen