
Heute Morgen am Schlesischen Tor. Die U1 rattert oben drüber, ich balanciere meinen Hafer-Latte und versuche, Luna davon abzuhalten, eine achtlos weggeworfene Pizzakruste zu inhalieren. Und dann passiert es. Um die Ecke biegt – wie aus dem Nichts – ein Mops. Er schnauft. Er starrt. Luna explodiert. Das plötzliche Heißwerden im Nacken und das Verkrampfen der Finger um die Lederleine, sobald ich eine Flexileine in der Ferne klackern höre – das kenne ich inzwischen nur zu gut. Mein Kaffee? Landet zur Hälfte auf meinem Hoodie. LUNA BITTE.
Kreuzberg ist das Endgegner-Level
Wer behauptet, Leinenprobleme in drei Tagen gelöst zu haben, hat wahrscheinlich nie versucht, mit einem Tierschutzhund durch die Wrangelstraße zu laufen. Diese Instagram-Perfektion macht mich wahnsinnig. Ich trinke inzwischen 4 Tassen Kaffee am Tag, nur um die nötigen Reflexe für unsere Gassirunden zu haben. Das sind 28 Tassen pro Woche. Mein Herzschlag ist quasi dauerhaft auf 180, noch bevor wir die Haustür verlassen.
Luna ist jetzt seit zwei Jahren bei mir. Eine wunderschöne, rumänische Rettungshündin, die in der Wohnung der entspannteste Hund der Welt ist. Aber draußen? Draußen ist Krieg. Zumindest in ihrem Kopf. In unseren vier Wänden erinnern mich noch heute 4 Klebebandspuren in den Zimmerecken daran, wie wir angefangen haben. Dort waren ihre Rücksack-Kissen festgeklebt, damit sie einen festen Platz hatte, als alles noch neu und gruselig war. Heute ist der Flur ihr Safe Space, aber die Straße bleibt ein Minenfeld.
Mein Werkzeugkasten (Der nicht immer funktioniert)
Ich bin keine Trainerin. Ich bin eine Grafikdesignerin, die einfach nur will, dass ihr Hund nicht jedes Mal einen Nervenzusammenbruch erleidet, wenn ein Artgenosse auftaucht. Über die Zeit habe ich mir ein paar Strategien zurechtgelegt, die uns durch den Kiez retten.
Der Klassiker: Der U-Turn hinter geparkte Lieferwagen. Wenn ich sehe, dass uns jemand entgegenkommt, drehe ich sofort ab. Kein Zögern. Wir verschwinden hinter dem nächsten Sprinter. Ich stehe dann da, Luna fixiert das Blech, und ich bete innerlich: Bitte bieg nicht hier ab, bitte geh einfach weiter geradeaus – ich habe nicht genug Käsewürfel für diese Begegnung dabei.
Dann gibt es die Baumscheiben-Taktik. In Kreuzberg sind diese kleinen Erdflächen um die Bäume herum Gold wert. Sobald ein Hund in Sichtweite kommt, streue ich eine Handvoll Leckerlis tief in das Gestrüpp oder zwischen die Zigarettenstummel (leider). Während Luna sucht, blocke ich sie mit meinem eigenen Körper nach außen ab. Ich mache mich breit. Ich bin die Mauer zwischen ihr und der Welt. Das klappt oft, aber eben nicht immer. Der Tag, an dem Luna den Mops vor der U-Bahn anpöbelte, hat mir mal wieder gezeigt, dass Management eben nur Management ist – keine Heilung.
Die 15-Meter-Regel und der Instagram-Frust
Lunas Sicherheitsabstand – ihre sogenannte Individualdistanz – liegt aktuell bei etwa 15 Metern. In der Hasenheide ist das machbar. In der Oranienstraße ist das ein schlechter Witz. Wenn mir dann jemand auf Social Media erzählt, ich müsste nur mal kurz „dominant auftreten“, könnte ich mein Handy gegen die Wand werfen.
Was ich aber gelernt habe: Manchmal schürt meine ständige Ausweichstrategie erst recht Lunas Erwartungshaltung. Wenn ich jedes Mal panisch die Straßenseite wechsle, bestätige ich ihr vielleicht: „Ja, da vorne ist wirklich die Apokalypse!“ Das ist die bittere Pille. Ich versuche, die Angst zu managen, und zementiere sie dadurch vielleicht sogar. Ein Teufelskreis aus Käsewürfeln und Fluchtreflexen.
Vom Überleben zum Akzeptieren
Vor etwa sechs Wochen stand ich im Hundepark – Luna an der kurzen Leine, weit weg vom Geschehen – und eine andere Halterin fragte mich: „Was hast du eigentlich schon alles probiert?“ Ich habe 15 Minuten geredet. Über Geschirre, Trainer, Sprühflaschen (großer Fehler!), Clicker und Bachblüten. Am Ende war ich völlig fertig, aber sie nickte nur und sagte: „Wir managen hier alle nur.“
Das war der Moment, in dem ich diesen Blog angefangen habe. Ich wollte nicht mehr die sein, die sich schämt. Ich bin nicht gescheitert. Ich bin nur eine von vielen, die jeden Tag kämpfen. Es gab Zeiten, da dachte ich echt, ich schaffe das nicht mehr. Ich habe damals sogar darüber geschrieben, wie ich beim Leinentraining bei Hundebegegnungen im Kiez fast aufgegeben hätte, weil der Druck von außen so groß war.
Heute ist der 28. April 2026. Luna schläft gerade auf meinem Fuß, während ich das hier tippe. Sie zuckt im Schlaf, wahrscheinlich jagt sie im Traum Mopshunde am Maybachufer. Wir sind ein Team. Wir sind nicht perfekt, und der Spaziergang heute Morgen war ein Rückschlag. Aber wir haben danach zusammen im Café gesessen (ich mit meinem dritten Kaffee), und sie war ruhig.
Jede Woche wird es ein kleines bisschen besser. Vielleicht nicht für die Leute auf Instagram, aber für uns. Die Klebebandreste auf meinem Dielenboden bleiben erst mal da. Als Erinnerung daran, wie weit wir schon gekommen sind – von der totalen Panik hin zu einem kontrollierten Chaos. Und morgen? Morgen versuche ich, den Kaffee im Becher zu behalten.