
Frühmorgens am Schlesischen Tor. Mein dritter Kaffee ist noch so heiß, dass ich mir fast die Zunge verbrenne, während ich versuche, Luna davon abzuhalten, einen herannahenden Mops zu fressen. Na ja, eigentlich will sie ihn nicht fressen, sie will nur... ALLES GLEICHZEITIG. Bellen, springen, die Leine als Zahnseide benutzen. Die übliche Eskalation eben.
Luna ist jetzt 2,5 Jahre alt, eine rumänische Rettungshündin mit den flauschigsten Ohren der Welt und einem Nervenkostüm aus feuchtem Knäckebrot. Sobald ein anderer Hund auftaucht, brennt die Sicherung durch. In diesem Moment fühle ich wieder dieses raue Gefühl der Nylonleine, die in meine Handfläche schneidet, während sich der Geruch von abgestandenem Kaffee aus meinem Becher mit der Berliner Morgenluft vermischt. Mein Herz klopft bis zum Hals. Jedes Mal.
Die Realität am Schlesischen Tor (oder: Warum Instagram lügt)
Ich scrolle abends oft durch Instagram und sehe diese Trainer, die behaupten, sie hätten Leinenprobleme in drei Tagen gelöst. Ehrlich jetzt? In drei Tagen schaffe ich es gerade mal, ein neues Grafikprojekt zu sortieren, aber sicher nicht, die tief sitzende Panik eines Tierschutzhundes wegzuzischt. Diese Posts machen mich wahnsinnig. Luna und ich trainieren seit Monaten, und trotzdem gab es heute Morgen wieder diesen Mops-Moment vor der U-Bahn.
Es ist dieser automatische Adrenalinstoß. Sobald am Horizont eine Silhouette mit vier Pfoten auftaucht, verkrampft mein ganzer Körper. Ich weiß, ich sollte ruhig bleiben. "Sei die Ruhe selbst, Julia", sage ich mir. Aber wenn man in Kreuzberg wohnt, ist "Ruhe" ein dehnbarer Begriff. Hier herrscht laut Hundegesetz Berlin auf Gehwegen eine strikte Leinenpflicht, meistens sind das diese Standard-Leinenlängen von 2 Meter. Das ist verdammt wenig Platz, wenn ein anderer Hund direkt auf dich zukommt.
Ich erinnere mich noch an die ersten Wochen mit ihr. Nach der Tollwut-Wartezeit von 21 Tagen im EU-Heimtierausweis durfte sie endlich einreisen, und ich dachte naiv: Wir spazieren jetzt schön durch den Görli. Pustekuchen. Luna war überfordert, ich war überfordert. Es gab Tage, da wollte ich die Leine einfach hinschmeißen. Wenn du dich auch so fühlst, lies mal meinen Text über Überforderung mit reaktivem Hund – du bist nicht allein mit diesem Chaos.
Mehr als nur Umdrehen: Meine Entdeckung der Kehrtwende
Lange dachte ich, die Kehrtwende ist so ein Ding, das man macht, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Der Hund fixiert, ich reiße ihn rum, wir flüchten. Aber das war der Fehler. Mitte Dezember, als der Graefekiez unter einer dünnen Schicht aus Matsch und Frust lag, begriff ich es endlich: Die Kehrtwende ist kein Notausgang. Sie ist ein verdammter Tanzschritt.
Mein großer Fehler war, dass ich die Kehrtwende nur benutzt habe, wenn Luna schon im "Ich-zerfleische-die-Luft-Modus" war. Da erreicht man sie nicht mehr. Da ist der Tunnelblick so dicht wie der Nebel über der Spree im November. Ich habe angefangen, die Kehrtwende in den Alltag einzubauen, wenn ÜBERHAUPT NICHTS los war. Einfach so. Zwischen zwei Hauseingängen. ZACK. Umdrehen. Party. Leckerli.
Nach den ersten vier Wochen Training wurde mir klar: Wenn wir das ständig machen, verliert das Umdrehen seinen Schrecken. Es signalisiert Luna nicht mehr: "ACHTUNG GEFAHR, WIR FLÜCHTEN!", sondern eher: "Hey, wir machen jetzt was anderes, komm mal mit." Das ist der entscheidende Punkt. Wir trainieren den Richtungswechsel als geplanten Standard, damit sie gar nicht erst in diesen stressigen Tunnelblick gerät.
Der Kiez-Rettungsplan: Training ohne Krise
Wie sieht das konkret aus? Ich nenne es den Kreuzberg-Slalom. Wir laufen nicht einfach stur geradeaus. Ich baue Richtungswechsel ein, bevor sie einen anderen Hund überhaupt riechen kann. Das fördert die Aufmerksamkeit. Wir nutzen das Prinzip von Zeigen und Benennen, aber die Kehrtwende ist unser Joker, wenn die Distanz im Kiez einfach zu eng wird.
- Das Signal: Ein fröhliches "Tschüss!" oder "Andere Seite!". Bloß kein strenges Kommando.
- Die Belohnung: Etwas, das besser ist als der Erzfeind auf der anderen Straßenseite. Bei Luna sind das diese stinkigen Käsewürfel.
- Das Timing: Umdrehen, BEVOR die Rute steif wird.
An einem regnerischen Dienstag im März standen wir plötzlich einem Goldie gegenüber, der direkt aus einem Hauseingang schoss. Früher wäre das eine Katastrophe gewesen. Luna hätte geschrien, ich hätte an der Leine gezerrt, der Goldie-Besitzer hätte mir ungefragte Ratschläge gegeben. Aber diesmal? Ein kurzes "Tschüss!", eine saubere Kehrtwende, und wir sind einfach in den nächsten Späti-Eingang abgebogen. Mein Herz raste immer noch, klar. Aber Luna blieb ansprechbar. Ein kleiner Sieg zwischen Bierkästen und Zeitungsständern.
Von Boxern und dem Sieg am Kotti
Letzte Woche am Kottbusser Tor kam dann der Endgegner. Ein unangeleinter Boxer – natürlich ohne Besitzer in Sichtweite – trabte direkt auf uns zu. Das Kotti-Feeling par excellence. In diesem Moment griff alles ineinander. Ich sah den Boxer, Luna sah den Boxer. Bevor sie tief Luft holen konnte, um zum Bellen anzusetzen, machten wir unsere Kehrtwende. Lautlos. Ohne Chaos. Wir wechselten einfach die Straßenseite.
Es war das erste Mal, dass ich mich nicht wie ein Versager gefühlt habe. Wir sind nicht geflohen, wir haben nur entschieden, dass uns diese Begegnung heute nicht gut tut. Das ist die Freiheit, die mir dieser Notfallplan gibt. Er nimmt den Druck raus, jede Situation "aushalten" zu müssen. Manchmal ist der beste Weg nach vorne eben der Weg zurück.
Zu Hause angekommen, habe ich erst mal wieder Klebebandreste von Lunas Kissen vom Boden gekratzt. In allen vier Wohnungsecken kleben diese Spuren, weil ich verzweifelt versucht habe, ihre Rückzugsorte rutschfest zu machen. Luna schlief sofort ein, während ich meinen vierten Kaffee kochte. Wir sind weit weg von Perfektion. Aber jede Woche wird es ein bisschen besser. Wenn es draußen wieder früh dunkel wird, helfen mir übrigens auch meine Tipps für entspannte Abendrunden, um nicht völlig den Verstand zu verlieren.
Perfektion ist ohnehin überbewertet. Solange ich die Kontrolle behalte und Luna mir vertraut, kann der Mops vor der U-Bahn bellen, so viel er will. Wir drehen dann einfach um. Tschüss!


