
Ein nasskalter Morgen am Schlesischen Tor. Eigentlich will ich nur meinen dritten Espresso nicht über mein Grafiktablet-Case schütten, während ich Luna an der kurzen Leine an einer Baustelle vorbeimanövriere. Dann passiert es. Ein Mops biegt um die Ecke. Luna explodiert. 20 Kilo rumänisches Temperament werfen sich in das Geschirr. Mein Kaffee schwappt. Und genau in diesem Moment bleibt eine Passantin stehen, schaut mich mitleidig an und sagt diesen einen Satz: „Sie müssen nur Dominanz zeigen, dann hört sie auf.“
Kurzer Hinweis vorab: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn du über diese klickst und etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision – für dich kostet es keinen Cent mehr. Ich empfehle hier nur Trainingstools und Kurse, die Luna und ich im Berliner Chaos-Alltag wirklich ausprobiert haben. Hier ist meine volle Offenlegung.
Dominanz. Klar. Dass Luna eine 2,5 Jahre alte Rettungshündin ist, die in den Straßen von Bukarest wahrscheinlich um ihr Leben gekämpft hat, sieht die Dame nicht. Sie sieht nur eine überforderte Grafikdesignerin mit zitternden Händen und einem schreienden Hund. In meinem Kopf schreit es auch: „Wenn mir noch einer sagt, ich müsse nur tief durchatmen, während 20 Kilo Muskelmasse an meinem Handgelenk reißen, fange ich auch an zu bellen.“
Das Kreuzberger Pflaster und die „Experten“ von nebenan
Wer in Berlin-Kreuzberg einen Hund hält, der nicht wie ein dressiertes Stofftier neben einem herläuft, braucht ein dickes Fell. Oder sehr viel Koffein. Bei mir ist es meistens letzteres. Als Freelancerin arbeite ich oft bis spät in die Nacht an Layouts, und morgens um acht ist mein Geduldsfaden so dünn wie eine 0,2er Fineliner-Spitze. Wenn dann die ungefragten Ratschläge kommen, spüre ich dieses schlagartige Heißwerden meiner Ohren. Meine Finger fangen an zu zittern, sobald ich am Ende der Straße nur die Silhouette eines unangeleinten Labradors sehe.
Ich habe in den letzten acht Monaten – von jenem grauen Dienstagmorgen im Februar bis heute – so ziemlich alles gehört. Von „Die braucht mal eine Ansage“ bis zu „Haben Sie es schon mit Bachblüten probiert?“. Spoiler: Bachblüten helfen nicht, wenn Luna gerade versucht, den Erzfeind-Mops vom Schlesi zu fressen. Was auch nicht hilft, sind die Instagram-Posts, die behaupten, sie hätten Leinenprobleme in drei Tagen gelöst. Diese Posts machen mich aggressiver als Luna den Postboten. Echte Reaktivität ist kein 72-Stunden-Projekt. Es ist ein Marathon auf Scherben.
Manchmal fühle ich mich in meiner eigenen Wohnung wie eine Gefangene meiner eigenen Versuche. In allen vier Wohnungsecken kleben noch diese hässlichen Reste von Panzertape. Da hatte ich versucht, Lunas Rücksack-Kissen festzukleben, damit sie einen fixen Rückzugsort hat, wenn im Flur wieder die Nachbarskinder trampeln. Das klebrige Gefühl von altem Klebeband an meinen Socken, wenn ich morgens im Halbdunkel durch die Wohnung tappe, um Lunas Napf zu füllen, ist mein täglicher Reminder: Wir sind eine Baustelle. Und das ist okay.
Die Instagram-Lüge und der Realitätscheck
Ich hasse diese Vorher-Nachher-Videos. Hund rastet aus – Schnitt – Hund läuft perfekt bei Fuß. Was dazwischen passiert, wird oft verschwiegen oder mit fragwürdigen Methoden „erzwungen“. Für einen Hund aus dem Tierschutz, der vielleicht Deprivationsschäden hat, ist so ein Druck Gift. Luna würde einfach komplett abschalten oder noch heftiger nach vorne gehen.
Ich erinnere mich an einen Moment Mitte November. Ich wollte besonders schlau sein und habe eine Supermarkt-Leberwursttube mitgenommen, um Luna bei Sichtung anderer Hunde abzulenken. Ein goldener Tipp aus irgendeinem Forum. Ein Golden Retriever tauchte auf, Luna spannte sich an, ich hielt ihr die Tube hin. Sie war so im Tunnel, dass sie vor Schreck die Tube einfach zerbiss. Die fette, graue Paste spritzte über meine neue Designer-Jeans. Da stand ich nun: nach Hundewurst stinkend, mit einem tobenden Hund und dem mitleidigen Blick eines Hipster-Paares, deren Hund natürlich perfekt im Freilauf blieb. Ein klassischer Rückschritt, der sich anfühlte wie das Ende der Welt.
In solchen Momenten ist die Zündschnur kurz. Der Koffein-Schock von meinem morgendlichen Espresso-Marathon macht es nicht besser. Adrenalin trifft auf Koffein. Ich bin dann selbst ein Pulverfass. Und genau das ist der Punkt: Die Leute spüren meine Anspannung. Luna spürt sie erst recht. Aber wie soll man ruhig bleiben, wenn man sich ständig rechtfertigen muss? Wenn jeder im Görli meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben?
Wie ich lernte, die Ratschläge (und den Stress) zu filtern
Der Wendepunkt kam, als ich aufhörte, nach der einen Wunderheilung zu suchen. Ich bin keine Hundetrainerin. Ich bin eine Frau, die versucht, ihren Alltag zu strukturieren. Ich habe angefangen, Übungen in meine Rendering-Pausen einzubauen. Wenn der Balken am Monitor bei 40 % steht, machen Luna und ich fünf Minuten Fokus-Training im Flur. Nichts Wildes. Nur Blickkontakt.
Ich habe mir den Kurs Leinenführig in 30 Minuten geholt. Nein, Luna war danach nicht in 30 Minuten geheilt – das wäre bei ihrer Vorgeschichte auch ein Wunder. Aber die kurzen Videos (Rating 4,3 bei den Nutzern, was ich fair finde) passten perfekt zwischen zwei Zoom-Calls. Die Übungen sind kleinschrittig. Es geht nicht um Dominanz, sondern um Orientierung. Das hat mir geholfen, im Kopf umzuschalten. Wenn jetzt jemand sagt „Sie müssen nur...“, denke ich mir: „Du hast keine Ahnung von unserem Weg.“
Heute, nach den ersten vier Wochen Struktur, reagiere ich anders. Letzten Donnerstagvormittag im Park kam wieder so ein „Experte“ ungefragt auf uns zu, während Luna gerade einen Fixier-Moment hatte. Anstatt rot zu werden und mich zu entschuldigen, habe ich nur gesagt: „Wir trainieren gerade, bitte halten Sie Abstand.“ Kurz. Knapp. Ohne Rechtfertigung. Mein Herz hat zwar immer noch bis zum Hals geschlagen, aber Luna blieb – für ihre Verhältnisse – ansprechbar. Ein kleiner Sieg.
Was wirklich hilft, wenn der Kiez dich stresst
Wenn du auch so eine Luna an der Leine hast, hier ist mein ehrlicher Schlachtplan für die Begegnung mit Besserwissern (und Hunden):
- Kopfhörer-Trick: Manchmal trage ich große Over-Ear-Kopfhörer, auch wenn gar keine Musik läuft. Die Leute sprechen einen seltener an.
- Der Blickkontakt ist Gold: Wir arbeiten viel an der Orientierung. Es ist die Basis für alles. Schau mal in meinen Text über Blickkontakt in Kreuzberg rein, das war für uns der Gamechanger.
- Die „Gelbe Schleife“: Ich nutze sie zwar nicht immer, aber in manchen Gegenden hilft die Gelbe Schleife signalartig, dass wir Freiraum brauchen.
- Realistische Erwartungen: Wenn ich eine harte Deadline habe und gestresst bin, gehe ich nur die „Pipi-Runde“ um den Block zu Zeiten, wo wenig los ist. Selbstschutz geht vor Erziehung.
Wenn du gerade erst anfängst und dein Budget als Freelancer oder Student knapp ist, ist Das Leinenführigkeitstraining ein guter Einstieg. Es ist bodenständig und überfordert einen nicht sofort mit komplexer Verhaltenspsychologie. Falls du eher der Typ bist, der erst mal alles verstehen will, bevor er die Leine in die Hand nimmt, schau dir das Leinentraining (neu für 2026) an. Es ist sehr ruhig aufgebaut, was bei unsicher-reaktiven Hunden wie Luna oft besser funktioniert als der schnelle Erfolg.
Luna hat heute Morgen übrigens wieder einen Mops vor der U-Bahn angebellt. Ja, es war laut. Ja, die Leute haben geguckt. Aber wisst ihr was? Sie hat sich nach zwei Sekunden wieder zu mir umgedreht. Früher hätte sie sich fünf Minuten lang nicht eingekriegt. Jede Woche ein bisschen besser. Wir lernen noch. Beide. Und während ich das hier schreibe, klebt wieder ein Stück Tesa an meiner Socke. Egal. Hauptsache, der nächste Spaziergang wird einen Schluck entspannter.
Wie geht ihr mit den Sprüchen im Park um? Schreibt es mir – ich brauche neuen Stoff für meine mentale „Bullshit-Bingo“-Liste beim nächsten Gassi!


