
Es ist frustrierend, wenn dir mitten in einer waschechten Leinenreaktivität-Szene eine wildfremde Person erklärt, was du gerade falsch machst. Ich bin Berliner Hundehalterin mit einer Tierschutzhündin aus Rumänien und kenne diese Situation im Schlaf – trotzdem habe ich bis heute keine Antwort gefunden, die bei jedem Kommentar gleich gut funktioniert. Die Hundetraining-Kritik von Fremden trifft mich sowieso nie im richtigen Moment.
Kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Klickst du drauf und kaufst etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich verlinke nur Kurse, die Luna und ich im Kreuzberger Alltag tatsächlich ausprobiert haben – hier meine volle Offenlegung.
Mittlerweile pendle ich zwischen zwei Reaktionen, und ich weiß inzwischen ziemlich genau, wann welche taugt. Die eine ist die lange Erklärung. Die andere ist der kurze Satz, der die Sache sofort beendet. Beide haben ihren Platz – nur eben nicht im selben Moment, und genau darum geht es hier.
Die lange Erklärung, die mich leerpumpt
Die lange Version klingt ungefähr so: Luna kommt aus einem rumänischen Tierschutzprojekt, hat wahrscheinlich Dinge erlebt, die man Deprivationsschäden nennt, und reagiert deshalb anders auf fremde Hunde als ein Hund aus geplanter Zucht. Ich erkläre dann gern, dass Leinendruck bei ihr das Gegenteil von Beruhigung auslöst, und dass jede weitere Sekunde, in der die Person neben uns stehen bleibt, ein Glied mehr in einer Reaktionskette ist, die ich lieber gar nicht erst starten lasse.
Klingt vernünftig. Kostet aber Zeit – Zeit, die ich an einem Vormittag mit drei offenen Layouts und einem dritten Kaffee im Blut selten übrighabe. Und während ich rede, steht Luna weiter angespannt neben mir, was die Sache nicht unbedingt entspannter macht.

Ein Satz beendet die Sache schneller als jede Erklärung
Die zweite Reaktion ist ein einziger Satz: „Wir trainieren gerade, bitte halten Sie Abstand." Kein Nachsatz. Keine Rechtfertigung. Kein Blick zurück, ob die Person jetzt beleidigt ist.
Das kostet mich in dem Moment weniger Energie, weil ich mich nicht erklären muss, während ich gleichzeitig versuche, den Schwellenabstand zwischen Luna und dem anderen Hund zu vergrößern. Nachteil: Manche Leute finden das schroff, und ich habe schon mehr als einen pikierten Blick geerntet – damit kann ich mittlerweile leben.
Warum funktionieren Leckerlis nicht bei Lunas Leinenreaktivität?
Bevor ich bei diesen zwei Reaktionen gelandet bin, habe ich einiges ausprobiert, das schlicht nicht half. Gewöhnliche Leckerlis als Ablenkung bei Begegnungen zum Beispiel – die Idee, Luna beim Anblick eines anderen Hundes ein Stückchen Futter vor die Nase zu halten. Bei vielen Hunden funktioniert das. Bei Luna nicht.
Sie war schon so auf den anderen Hund fixiert, dass sie das Leckerli komplett ignoriert hat – ich hätte genauso gut versuchen können, sie mit einem Blatt Papier abzulenken. Der Trigger war für sie in dem Moment einfach GRÖSSER als alles, was ich anzubieten hatte, und genau das ist bei Trigger-Stapelung das Tückische: Ist der Reiz erst groß genug, zählt keine Belohnung mehr.

Am Kottbusser Tor hob Luna nur kurz den Kopf
Neulich stand uns dort ein Retriever gegenüber. Sonst wäre sie sofort hochgefahren – diesmal sah sie kurz zu mir rüber, ließ den Blick wieder sinken, und das war's. Ein Wimpernschlag, der sich anfühlte wie ein kleiner Durchbruch mitten im Trubel am Kotti.
Petra, die ich über die Hundewiese im Görlitzer Park kenne und deren Border-Collie-Mix Zorro manchmal ähnliche Tage hat wie Luna, schreibt mir öfter, wenn es bei Zorro gerade nicht so gut läuft. Solche Nachrichten erden mich. Offenbar gehört jeder Rückschritt dazu, nicht nur bei uns.
Kurse zwischen zwei Zoom-Calls
Ich arbeite von zu Hause, mit Blick durch zwei hohe Altbaufenster auf den Hinterhof, das Zeichenbrett neben dem Laptop-Schreibtisch, Lunas Körbchen neben der Heizung. Die Wände hängen voll mit Pinnwänden und Farbfächern, und wenn eine Deadline drückt, ist jede Minute draußen eine Minute, die ich mir abends wieder reinarbeiten muss.
Deshalb habe ich mir den Kurs Leinenführig in 30 Minuten geholt – die kurzen Videos passen zwischen zwei Zoom-Calls, und der Fokus auf kleine, sofort sichtbare Fortschritte hilft an schlechten Tagen mehr als ein umfangreiches Gesamtkonzept. Luna war danach nicht in 30 Minuten geheilt, das wäre bei ihrer Vorgeschichte auch ein Wunder gewesen, aber die Übungen ließen sich klein genug schneiden, dass ich sie wirklich durchgezogen habe.
Als Dagmar neulich mit einer Flasche Wein vorbeikam, weil die Woche mal wieder zu viel war, habe ich ihr genau das erzählt – dass Orientierung inzwischen mehr bringt als jede Ansage, die mir Fremde auf der Straße zurufen.

Diese Begriffe helfen mir, ruhig zu bleiben
Ein paar Begriffe habe ich mir aus Foren und Kursen zusammengesammelt, und sie sind nützlicher, als ich anfangs dachte. Der Blickkontakt in Kreuzberg – also der Orientierungsblick, den Luna mir mittlerweile öfter zuwirft, statt direkt zum anderen Hund zu starren – war für uns der Anfang von allem.
Das gelbe Band am Geschirr kenne ich als stilles Signal für „gib uns Raum", auch wenn ich es selbst selten benutze. Zeigen-und-Benennen ist die Übung, bei der ich einen Reiz einfach beim Namen nenne, statt Luna sofort wegzuziehen. Frustrationstoleranz ist das Wort für die Sekunden, in denen Luna wartet, obwohl sie eigentlich nicht will. Und Cortisol-Erholungszeit beschreibt, warum ein stressiger Vormittag noch den ganzen Nachmittag nachwirkt, ohne dass ich das biologisch genauer erklären könnte oder müsste.
Lange Erklärung oder kurze Grenze: Wann lohnt sich was?
Meine Faustregel nach vielen Wiederholungen: Die lange Erklärung lohnt sich, wenn ich selbst noch klar im Kopf bin und Luna noch unter der Schwelle liegt – dann hat das Gegenüber eine faire Chance, etwas mitzunehmen, und ich fühle mich nicht wie die Böse. Die kurze Grenze ist die einzige Option, wenn Luna schon reagiert oder mein eigener Kaffee-Pegel längst kritisch ist – dann zählt nur noch, den Abstand zu vergrößern, und jedes zusätzliche Wort kostet Zeit, die ich nicht habe.
Wer gerade erst anfängt und als Freelancerin oder Freelancer nicht gleich das große Programm will, findet in Das Leinenführigkeitstraining einen bodenständigen Einstieg ohne komplexe Verhaltenspsychologie. Wer lieber erst alles verstehen will, bevor die Leine überhaupt in die Hand kommt, ist bei Leinentraining (neu für 2026) besser aufgehoben – der Aufbau ist ruhig gehalten, was bei unsicher-reaktiven Hunden wie Luna oft mehr bringt als der schnelle Erfolg.
Und ja, es ist ziemlich absurd: Eine erwachsene Frau mit Kunden, Deadlines und einem Zeichenbrett verhandelt am Kotti mit einem Hund über Nervenstärke. Das sagt vermutlich mehr über mich als über Luna. Luna hat heute Morgen übrigens wieder einen Mops angebellt. Kurz, laut, dann hat sie sich von selbst wieder zu mir gedreht. Kein Drama, nur ein ganz normaler Vormittag mit einer Leinenreaktivität, die uns beide noch eine Weile begleiten wird.
Wie handhabt ihr die Sprüche im Park – lange Erklärung oder kurze Grenze? Schreibt's mir, ich sammle für meine mentale Bullshit-Bingo-Liste beim nächsten Gassi.