Fremde Hunde abwehren und blocken: Schutz für meinen reaktiven Hund im Park

Ein sonniger Nachmittag im März. Eigentlich einer dieser Tage, an denen man in Kreuzberg endlich die Jacke offen lässt. Wir stehen am Rand einer Wiese, Luna schnüffelt konzentriert an einem Grashalm, und ich erlaube mir für genau zwei Sekunden, an mein nächstes Design-Projekt zu denken. Dann sehe ich ihn. Ein Labradoodle, flauschig, distanzlos und in vollem Galopp. Er ist noch gut 50 Meter weg, aber er hat uns fixiert. Luna merkt es sofort. Ihr ganzer Körper wird steif, die Rute geht hoch wie eine Antenne – Alarmstufe Rot.

In diesem Moment passiert es wieder: Das plötzliche Pochen in meinen Schläfen und dieses fiese, feuchte Gefühl in den Handflächen. Ich greife die Leine kürzer – meine Standard-Führleine hat die üblichen 2 Meter, aber in solchen Momenten fühlt sie sich an wie ein Bindfaden, der gleich reißt. Ich scanne die Umgebung. Wo ist der Halter? Irgendwo hinten, vertieft in sein Handy. Mein Herz rast. Ich weiß, was gleich kommt, wenn ich nicht handele. Das übliche 'Der tut nix!'-Gebrülle von weitem, während mein Hund gerade eine mittelschwere Existenzkrise durchlebt.

Die Frustration mit dem 'Der tut nix'-Kollektiv

Es gibt in Berlin schätzungsweise 130.000 registrierte Hunde. Gefühlt begegnen Luna und ich davon der Hälfte jeden Tag auf unseren Runden zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal. Und es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben: Je reaktiver der eigene Hund ist, desto magischer zieht er die Hunde an, deren Besitzer das Wort 'Rückruf' nur aus Legenden kennen. Es ist dieser ständige Konflikt in mir. Ich will eigentlich höflich sein. Ich bin keine Person, die gerne Fremde anbrüllt. Aber wenn dieser flauschige Panzer auf uns zuschießt, schaltet mein Gehirn auf Tunnelblick.

Früher habe ich versucht, Luna einfach wegzuziehen. Ich dachte, wenn wir schnell genug flüchten, lösen wir das Problem. Spoiler: Hat nicht funktioniert. Luna fühlte sich allein gelassen. Sie dachte wohl: 'Julia rennt weg, also muss ich das hier klären.' Und 'klären' heißt bei ihr: Explodieren. Lautstark. Mit Schaum vorm Maul. Und dann stehst du da, während die andere Person dich anschaut, als wärst du diejenige, die ihren Hund nicht im Griff hat. Dass in fast allen Berliner Grünanlagen laut Berliner Hundegesetz § 14 eine strikte Leinenpflicht herrscht (außer in markierten Auslaufgebieten), scheint viele nicht zu interessieren. Aber für uns ist diese Regel oft die einzige Hoffnung auf einen stressfreien Spaziergang.

Der Moment, in dem ich anfing, meinen Körper einzusetzen

Während der ersten warmen Aprilwoche hatte ich die Nase voll. Ich hatte so viele Instagram-Posts gesehen, wo Leute behaupten, sie hätten ihre Leinenprobleme in drei Tagen gelöst – absoluter Bullshit, wenn ihr mich fragt. Aber eine Sache blieb hängen: Ich muss Lunas Anwältin sein. Ich muss diejenige sein, die den Konflikt stoppt, bevor er bei ihr ankommt. Also fing ich an zu üben. Nicht mit Luna – sondern trocken, im Flur, mit Klebebandmarkierungen am Boden (da, wo früher Lunas Kissen festgeklebt waren).

Der erste Versuch im 'echten Leben' war furchtbar peinlich. Ein kleiner Mops kam angedackelt, und ich machte einen Ausfallschritt wie eine völlig übermotivierte Fechterin. Ich rief 'STOPP!', aber es klang eher wie eine Frage. Der Mops war sichtlich verwirrt, der Halter lachte. Aber wisst ihr was? Luna blieb ruhig. Sie schaute mich an, dann den Mops, dann wieder mich. Sie musste nicht bellen, weil ich mich dazwischengestellt hatte. Es war ein winziger Sieg, aber er fühlte sich an wie der Gewinn eines Design-Awards.

Ich habe gelernt, dass meine Körpersprache klar sein muss. Schultern breit, fester Stand, die Hand flach nach vorne. Und ja, ich musste lernen, unhöflich zu sein. Die bittere Erkenntnis, dass die meisten Leute meine Körpersprache erst ernst nehmen, wenn ich unhöflich laut werde, war hart für mich. Aber Luna geht vor. Wenn ich heute jemanden sehe, der seinen Hund nicht anleint, rufe ich schon von weitem: 'Bitte anleinen, meine Hündin braucht Abstand!' Wenn dann das obligatorische 'Der will nur spielen' kommt, antworte ich trocken: 'Meiner aber nicht.' Punkt. Körpersprache bei Leinenaggression ist eben nicht nur etwas für den Hund, sondern vor allem für mich selbst.

Der Wendepunkt im Görlitzer Park

Vor etwa drei Wochen im Görlitzer Park kam die ultimative Prüfung. Ein massiger Retriever, ohne Leine, Besitzer weit und breit nicht zu sehen. Er fixierte uns und startete diesen typischen, schleichenden Gang. Ich merkte, wie Luna anfing zu zittern. Früher wäre ich jetzt in Panik verfallen. Aber diesmal atmete ich aus. Ich brachte Luna hinter mich – kurz halten, aber nicht würgen – und machte einen massiven Schritt nach vorne, direkt in den Laufweg des Retrievers. Ein lautes, tiefes 'NEIN!'.

Der Retriever stoppte so abrupt, dass seine Krallen auf dem Asphalt kratzten. Er schaute mich entgeistert an. In diesem Moment war ich nicht die Grafikdesignerin, die sich über Deadlines stresst, sondern eine Löwenmutter. Luna explodierte nicht. Sie suchte tatsächlich Schutz hinter meinen Beinen. Sie hat mir die Entscheidung überlassen. Das war der Moment, in dem ich verstanden habe: Blocken ist kein Kampf gegen den anderen Hund, sondern ein Versprechen an meinen eigenen.

Nach der Begegnung saß ich auf einer Parkbank, die Hände zitterten immer noch ein bisschen. Der Geruch von abgestandenem Kaffee in meinem Thermobecher mischte sich mit dem künstlichen Leberwurst-Aroma der Tube, aus der ich Luna gerade zur Belohnung fütterte. Ich war fertig mit der Welt, aber glücklich. Wir hatten es geschafft, ohne dass die ganze Nachbarschaft dachte, hier wird gerade ein Wolfskampf ausgetragen. Solche Momente sind wichtig, genauso wie die Ruhetage für reaktive Hunde, die wir uns danach immer gönnen.

Warum zu viel Action nach hinten losgehen kann

Jetzt kommt aber der Punkt, den ich erst auf die harte Tour lernen musste: Man kann es mit dem Blocken auch übertreiben. Letzten Dienstagvormittag war ich so im 'Verteidigungsmodus', dass ich jeden Hund im Umkreis von 100 Metern wie einen persönlichen Feind behandelt habe. Ich bin förmlich durch den Kiez marschiert, bereit für den nächsten Kampf. Und was hat Luna gemacht? Sie wurde noch nervöser.

Hier ist meine ganz persönliche Theorie (keine Expertentante, nur Julia mit dem Kaffee): Blocken Sie fremde Hunde nicht aktiv mit Körpersprache, da dies bei Ihrem bereits gestressten Hund die Erwartungshaltung schürt, dass Sie die Situation alleine nicht souverän meistern. Wenn ich mich wie eine Irre aufbaue, signalisiere ich Luna: 'Gefahr! Ganz große Gefahr!' Ich habe gelernt, dass mein Blocken ruhig und bestimmt sein muss, nicht aggressiv. Es ist ein 'Hier ist die Grenze', kein 'Ich greife jetzt an'.

Wenn ich zu sehr in den Kampfmodus gehe, denkt Luna, dass ich die Situation eigentlich gar nicht im Griff habe, sondern selbst völlig am Rad drehe. Und Überraschung: Dann fängt sie wieder an, das Ruder übernehmen zu wollen. Es ist ein verdammt schmaler Grat zwischen 'Ich schütze dich' und 'Ich mache uns beide verrückt'. Manchmal hilft es auch, einfach das Training im Berliner Alltag kurz zu unterbrechen und einfach nur tief durchzuatmen, bevor man die nächste Straßenecke ansteuert.

Mein Fazit nach Monaten im Block-Training

Luna hat heute Morgen wieder einen Mops vor der U-Bahn angebellt. Ja, Rückschläge gehören dazu. Aber die Art, wie wir durch den Park gehen, hat sich verändert. Ich habe keine Angst mehr vor unangeleinten Hunden, weil ich weiß, dass ich eine Strategie habe. Ich nutze oft das 'Gelbe Hund' Prinzip (Yellow Dog Project) – eine gelbe Schleife an der Leine, die signalisiert: Wir brauchen Abstand. In Berlin kennen das zwar immer noch zu wenige, aber es gibt mir ein zusätzliches Gefühl von Sicherheit.

Was ich euch mitgeben will: Traut euch, den Raum für euren Hund einzunehmen. Es ist egal, ob die anderen Halter euch für die 'verrückte Hundelady' halten. Euer Hund ist der einzige, dessen Meinung in diesem Moment zählt. Und wenn ihr mal wieder zitternd nach einer Begegnung dasteht: Trinkt einen Kaffee (oder drei), atmet durch und erinnert euch daran, dass jeder geblockte Hund ein kleiner Baustein für Lunas Vertrauen in euch ist.

Wir sehen uns im Görli – ich bin die mit der Leberwursttube und dem entschlossenen Ausfallschritt!