
Manche Leute halten Blocken für Angriffslust. Für mich ist es das Gegenteil: der einzige Moment, in dem ich mich bewusst zwischen Luna und einen fremden Hund stelle, bevor die Leinenreaktivität die Kontrolle übernimmt. Genau danach fragt ihr mich ständig, seit ich hier über unseren Hundetraining-Alltag schreibe. Luna ist längst nicht die einzige unter den Berliner Hunden mit diesem Problem, aber ihre Geschichte kenne ich am besten – und die Fragen, die am häufigsten kommen, beantworte ich euch hier direkt.
Kurz und direkt beantwortet: Blocken heißt, sich ruhig und breit zwischen Luna und den anderen Hund zu stellen, nicht wild fuchtelnd, nicht schreiend. Das Ziel ist nicht, den fremden Hund zu vertreiben, sondern Luna zu zeigen, dass sie sich um nichts selbst kümmern muss.
Blocken ist kein Kampf, sondern eine Grenze
Wegziehen war meine erste Instinkt-Reaktion, monatelang. Klappt nicht wirklich. Luna fühlt sich dabei eher allein gelassen als beschützt und übernimmt dann selbst, meistens lautstark, mit Schaum vorm Maul und einem Publikum, das mich anschaut, als hätte ich meinen Hund nicht im Griff.
Einmal hab ich sie zu einem Gruppenspaziergang in einer Hundeschule mitgenommen, in der festen Überzeugung, genau das sei die Übung, die ihr fehlt. Kompletter Fehlschlag. Sieben, acht Hunde auf einem Haufen, alle gleichzeitig aufgeregt, und Luna hat sich nur noch klein gemacht und keinen Blick mehr für mich gehabt. Seitdem weiß ich: Masse hilft ihr nicht, Nähe zu einer einzelnen vertrauten Person schon eher.
Ich soll hier vermutlich die souveräne Hundemama sein. In Wahrheit bin ich bei drei Hunden gleichzeitig oft nur noch Panik mit Kaffeeflecken auf der Jacke.
Meine Nachbarin Olga hat mich neulich im Treppenhaus gefragt, wie es mit Luna läuft, ohne diesen prüfenden Unterton, den ich sonst oft höre, einfach nur ehrlich interessiert. Ich hab ihr die Wahrheit gesagt: An guten Tagen fühl ich mich wie eine Löwenmutter, an schlechten wie jemand, der mit einer tickenden Zeitbombe an der Leine durch Kreuzberg läuft.
Die richtige Körperhaltung beim Blocken
Schultern breit, fester Stand, die Handfläche flach nach vorne: das ist die Kurzfassung. Klingt simpel, hat mich aber Wochen gekostet, bis es sich nicht mehr wie schlechtes Theater angefühlt hat. Der Trick ist, unhöflich zu werden, bevor es nötig ist: laut 'Bitte anleinen!' rufen, noch bevor der andere Hund überhaupt nah genug ist, um Stress auszulösen. Kommt dann das übliche 'Der will doch nur spielen', antworte ich inzwischen nur noch trocken: 'Meiner nicht.'

Wie sich diese ganze Reaktionskette bei Luna aufbaut, vom ersten Steifwerden bis zum Bellen, hab ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben: Körpersprache bei Leinenaggression. Hier reicht die Kurzversion – meine Haltung ist die erste Bremse, bevor überhaupt etwas eskaliert.
Wie ich meinen Körper einsetze, wenn ein Hund auf uns zukommt
Am Maybachufer, kurz vor dem Türkenmarkt, kam neulich ein großer Hund ohne Leine direkt auf uns zu, Besitzer nirgends in Sicht. Ich spürte es zuerst in der Leine, ein feines Zittern in meiner Hand, kurz bevor Luna komplett kippt. Diesmal atmete ich erst mal aus, brachte Luna hinter mich, kurz gehalten, aber nicht gewürgt, und machte einen großen Schritt direkt in den Weg des Hundes. Ein lautes 'STOPP!'
Der Hund blieb abrupt stehen, fast überrascht von sich selbst. Luna explodierte nicht. Sie hat sich hinter meine Beine gestellt und mir die Entscheidung überlassen, und genau da hab ich verstanden, dass Blocken kein Kampf gegen den anderen Hund ist, sondern ein Versprechen an meinen eigenen.

Wann Blocken nach hinten losgeht
Zu viel Verteidigung kippt schnell ins Gegenteil. An einem besonders angespannten Vormittag hab ich jeden Hund im Umkreis wie eine persönliche Bedrohung behandelt, bin quasi kampfbereit durch den Kiez marschiert, und Luna wurde davon nur noch nervöser, nicht ruhiger.
Das ist wie eine Deadline-Woche im Grafikdesign: Wenn ich selbst im Dauerstress bin, merkt das jeder im Umfeld, auch ohne ein einziges Wort. Blocken funktioniert nur ruhig und bestimmt, mit der klaren Botschaft 'Hier ist die Grenze', nicht mit 'Ich greife jetzt an'. Sobald ich in den Kampfmodus wechsle, denkt Luna offenbar, dass ich die Lage gar nicht im Griff habe, und übernimmt selbst wieder das Ruder.
Was tun, wenn der andere Hund frei läuft?
Läuft der andere Hund frei und der Halter ist nicht in Sicht, blocke ich sofort und ohne Zögern. Das ist meine Faustregel. Ist der Hund angeleint und der Mensch erkennbar in der Nähe, reicht oft schon, laut genug 'Bitte Abstand!' zu rufen, damit die Person reagiert, bevor es zum Körpereinsatz kommt.
Wie viel Abstand – Schwellenabstand, wie es offiziell heißt – Luna überhaupt noch ansprechbar bleiben lässt, hängt stark vom Tag ab. An manchen Nachmittagen reicht erstaunlich wenig, an anderen brauchen wir spürbar mehr Platz, um entspannt zu bleiben.
Blocken ersetzt kein Training davor
Blocken ist Nothilfe, kein Ersatz für die Arbeit davor. Das sollte klar sein, bevor ihr selbst loslegt. Wie Leinendruck überhaupt entsteht und wie man ohne ihn läuft, ist nochmal ein eigenes Thema, das ich hier nicht aufmachen will. Was ich mittlerweile aber lesen kann: der kurze Orientierungsblick, den Luna mir kurz vor einer Begegnung zuwirft, bevor sie sich entscheidet, ob sie mir die Situation überlässt oder selbst übernimmt.
Reihen sich an einem Tag zu viele Begegnungen hintereinander, kippt irgendwann auch die ruhigste Reaktion. Trigger-Stapelung nennt sich das Prinzip dahinter. Manchmal zeige ich in solchen Momenten einfach ruhig auf den anderen Hund und benenne ihn, bevor Luna überhaupt reagieren kann, eine Technik, die andere Zeigen-und-Benennen nennen. Das alles kostet vor allem eins: Frustrationstoleranz, meine, nicht nur ihre, denn an manchen Tagen klappt schlicht nichts, egal was ich versuche.
Nach einer heftigen Begegnung ist Luna auch nicht in fünf Minuten wieder locker. Wie lange ihr Nervensystem tatsächlich braucht, um wieder runterzufahren, und warum Ruhetage für reaktive Hunde für uns keine Kür, sondern Pflicht sind, hab ich woanders ausführlicher beschrieben. Manchmal hilft es auch, das Training im Berliner Alltag für einen Moment zu unterbrechen und einfach nur durchzuatmen, bevor die nächste Straßenecke kommt.
Reicht ein gelbes Band an der Leine?
Rosalinde aus Wien schreibt mir das öfter. Sie hat sich kurz nach meinem allerersten Post über Lunas Ausraster in der U-Bahn bei mir gemeldet, weil ihr Cocker Spaniel Klette eine verblüffend ähnliche Geschichte hat, und seitdem tauschen wir uns fast wöchentlich aus. Zuletzt wollte sie wissen: Bringt ein gelbes Band an der Leine überhaupt etwas, wenn kaum jemand in Berlin das Zeichen kennt?
Meine Antwort in einem Satz: Wahrscheinlich nicht genug, um jemanden vom Handy hochblicken zu lassen. Ich nutze das Prinzip trotzdem, bekannt als Gelbe-Schleife-Signal aus dem Yellow-Dog-Project, weil es mir das Gefühl gibt, wenigstens etwas Sichtbares getan zu haben, und ich dadurch selbst ruhiger bleibe.
Ob sich überhaupt etwas verändert, sieht man sowieso nicht am Band, sondern an Kleinigkeiten. Neulich kam ein Lastenradfahrer mit seinem Hund im Gepäckkorb an uns vorbei, direkt in Sichtweite, und ich schaute automatisch runter zu Luna: ihre Rute hing locker, kein Zucken, keine Starre. Genau solche Momente schicke ich Rosalinde inzwischen als Foto, so wie sie mir umgekehrt Bilder von Klettes seltenen ruhigen Momenten schickt, als Beweis, dass sich was bewegt.
Was bleibt, wenn ihr nur eine Sache aus alldem mitnehmt: Blocken lohnt sich immer dann, wenn ihr merkt, dass euer Hund euch die Entscheidung überlassen will, statt sie selbst zu treffen. Alles andere wie Haltung, Lautstärke und Timing lässt sich üben. Das Gefühl, dass ihr für euren Hund einsteht, nicht.